Sonntag, 1. Oktober 2017

In der Kürze liegt die Würze

Kurzgeschichten sind etwas sehr Spezielles. Sie sind in der Regel weder ein kurzer Roman noch eine arg zusammen gestrichene Novelle.
Kurzgeschichten sind oft die Spielwiese von Anfängern unter den Autoren, andererseits aber auch die intellektuelle Spielwiese von Profis und erfahrenen alten Hasen.
Kurzgeschichten wirken einfach zu schreiben, da man ja keine 100-500 Seiten verfassen muss mit komplexen Aufbau und vielen Ebenen, mit einem gemütlichen Weltenbau und detaillierter Charakterisierung sowie endlosen Kampfszenen und Landschaftsbeschreibungen.
Kurzgeschichten sind die komprimierte Form des Schreibens. Noch kürzer geht es, doch dann gleitet es oft ins Lyrische ab und Gedichte sind kein Thema dieses Textes.

Kurzgeschichten sind sowas wie Singles im Vergleich zum Longplayer.
Auch bei Musik gibt es da ganz unterschiedliche Umfänge und Herangehensweisen. Wenn ein Konzeptalbum etwas wie ein Roman ist, ähnelt ein komplexer Song wie Papa Was A Rolling Stone einer Novelle. Ein kurzes Lied kann sehr einfach wirken, man nehme nur Paranoid, aber wenn man sieht, wie lange sich ein solcher Song im Bewusstsein hält, zeigt das, wie schwierig es ist, so etwas vordergründig Simples zu schaffen.


Eine Kurzgeschichte bietet eine Fülle von Möglichkeiten, umfasst die enorme Spannbreite eines Konzeptalbums über einen progressiven Titel bis zum Ohrwurm, aber der zur Verfügung stehende Raum bleibt der gleiche. Wenn man einen Roman schreiben will, muss man entsprechend ausholen. Bei einer Kurzgeschichte nicht, nicht mal bei einer Novelle. Selbst eine Novelle ist verdichtet und benötigt Disziplin, den Text auf den Punkt zu bringen.

Eine Kurzgeschichte ist keine Szene aus einem Roman, und eine Ausschreibung für eine Anthologie, die auf eine Längenbeschränkung verzichtet wie Zwielicht, auch nicht das richtige Medium für einen Text, der es sich auf die Fahne geschrieben hat, Zeit zu haben und sich gemächlich zu entfalten als würde es sich um einen Film aus den Sechziger des letzten Jahrtausend handeln. Eine Anthologie erwartet, gerade wenn der Autor unbekannt ist, das man sich auf das Wesentliche beschränkt und man versucht, den Leser schon bei den ersten Zeilen zu packen. Viel mehr Chancen bekommt man in der Regel nicht, schon blättert der Leser vor und widmet sich der nächsten Geschichte.

Das ist ein wertvoller Tipp für alle Autoren, die noch recht frisch im Geschäft sind. Gerade zu in dieser Phase ist es wichtig sich kurz zu halten. Nicht den letzten Hollywood Film nachzuerzählen und Dialoge des letzten Tatorts zu kopieren, sondern sich Gedanken machen, wie man auf knappen Raum eine interessante und überraschende Geschichte erzählen kann. Sich Gedanken über Formulierungen zu machen, am Stil zu feilen und auch das überhaupt Schwierigste im Schriftstellerleben zu lernen: Überflüssiges zu streichen!

Wem das nicht liegt, der hat die große weite Welt des Self Publishing oder der Serien zur Verfügung und veröffentlicht seinen Roman  - bei Fantasywerken sind das oft genug Zyklen von epischer Länge - dort und erfreut sich der zahlreichen begeisterten Leser.

Doch im Anthologiebereich gilt: In der Kürze liegt die Würze.
Auch wenn das derart verdichtete Werk im Zweifel auch dann noch einen ganz schön großen Umfang erreichen kann.

1 Kommentar:

  1. Die Kurzgeschichte ist ein vollkommen eigenständiges fiktionales Genre mit Protagonist, Konflikt und Auflösung mit etwa 3.000 bis 20.000 Wörtern, das durch Sprache, Aufbau und Stilistik gekennzeichnet ist. Sie verlangt eine meisterschaftliche Beherrschung der kurzen Form, es handelt sich um durchstrukturierte, verdichtete Prosa.

    Dies ist für mich das entscheidende Argument, Laienautoren vor dieser speziellen Kunstform zu warnen, nur sehr wenige verfügen über die Qualitäten eines Hemingway.

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