Mittwoch, 1. April 2015

Jörg Kleudgen (Interview) - Teil 1

Michael Schmidt: Hallo Jörg, stell dich den Zwielicht Lesern doch mal kurz vor!



Jörg Kleudgen: Nun, ich bin 46 Jahre alt, verheiratet, ein Kind, bin nach einem abgebrochenen Architekturstudium in einer Ausbildung in der Altenpflege gelandet und arbeite inzwischen als Gutachter in diesem Bereich. In den 1990ern habe ich neben meiner Band THE HOUSE OF USHER und dem GOTHIC-Musikmagazin die GOBLIN PRESS (mit)gegründet, einen Kleinverlag, der sich auf lovecraftnahe Literatur spezialisiert hatte.
Michael Schmidt: Wenn ich es richtig in deiner Biografie gelesen habe, bist du in Zülpich geboren. Ist es da zwangsläufig, dass man düstere Geschichten schreibt?
Jörg Kleudgen: Naja, im Rückblick betrachtet vielleicht schon. Das hat ja durchaus seine Geschichte, auch wenn die nicht ausschließlich vom Ort abhängt, sondern von vielen anderen Faktoren. Zülpich ist eine zweitausend Jahre alte Römerstadt, besitzt eine Burg und eine gut erhaltene Stadtmauer mit vier Stadttoren. Die Begeisterung für phantastische Literatur verdanke ich meinem Schulkameraden Kai Meyer, der sich damit schon etwas früher befasst hat und mich für Fantasyrollenspiele wie DAS SCHWARZE AUGE begeistern konnte. Wir zwei waren nicht direkt Außenseiter, hatten aber doch ganz andere Interessen als unsere Mitschüler. Beim Sport waren wir immer die letzten, die in die Teams gewählt wurden. Das hatte nichts mit Unsportlichkeit zu tun, sondern eher damit, dass wir uns lieber über phantastische Geschichten unterhielten, als einem Ball hinterherzulaufen. Anfangs schrieb ich noch Rollenspielabenteuer für gemeinsame Spielrunden, während Kai erste Erfahrungen mit Fanzines sammelte. Er schlug nach dem Abitur dann ja auch eine journalistische Laufbahn ein. Meine ersten Erzählungen veröffentlichte ich in Rollenspielermagazinen, die ich teilweise selbst herausgab. Von da an nahm dann wohl alles ganz automatisch seinen Lauf…




Michael Schmidt: Wie kann man sich die deutsche Phantastikszene als Neuling vorstellen. Kennt da jeder jeden? Oder kennt man nur einen kleinen Kreis, der vielleicht im Laufe der Jahre größer wird?
Jörg Kleudgen: Ich glaube nicht, dass es „die“ Szene gibt, auch wenn sich das nach außen hin so darstellen mag. Ich bin mir nicht mal ganz sicher, ob ich selber Teil einer Szene bin. Ich verfolge zum Beispiel die meisten der Diskussionen in Foren zur Phantastik überhaupt nicht, weil mir schlichtweg die Zeit dazu fehlt. Klar, könnte ich mich auf Facebook mehr in dieser Richtung engagieren. Aber dann käme ich leider nicht mehr dazu, irgendetwas anderes zu schreiben. Natürlich ist der Austausch wichtig. Aber mir als Autor ist das Schreiben wichtiger, und ich finde es manchmal erheiternd, wenn jemand schreibt, er habe keinen Zeit für einen Anthologiebeitrag, den er liebend gerne beisteuern würde, im selben Atemzug aber eine dermaßen umfassende Facebook-Aktivität aufweist, dass einen nichts mehr wundert.
Aber, um zur eigentlichen Frage zurückzukehren: ja, der Kreis wird mit den Jahren größer, aber er kann auch wieder schrumpfen, etwa wenn man erkennt, dass für eine Zusammenarbeit keine Basis mehr vorhanden ist. Das ist dann nichts Schlimmes, sondern ein natürlicher Prozess.



Michael Schmidt: Wie würdest du die deutschsprachige Phantastik Szene beschreiben?
Jörg Kleudgen: Sie ist in erster Linie vielfältig und bunt. Eigentlich spiegelt sich auch hier nur das Bild unserer Gesellschaft wider. Es gibt Leute, die Großartiges geleistet haben und völlig bescheiden geblieben sind, und es gibt welche, die sich selbst viel zu ernst nehmen. Obwohl es einfacher geworden ist, selber Bücher zu veröffentlichen, was zu einem Boom an Klein- und Kleinstauflagen geführt hat, habe ich den Eindruck, dass es wenig wirklich tolle Neuentdeckungen bei uns gibt. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich mich nur für ein eher begrenztes Spektrum interessiere.



Michael Schmidt: Groß, schlank, dunkle Haare. Gothic oder New Wave würde man direkt schätzen. Stimmt das? Oder was für eine Musik macht The House Of Usher und was ist dein Anteil an der Band?
Jörg Kleudgen: Ha, es gibt „Gruftis“, die nicht im Geringsten Deiner Beschreibung entsprechen :-), aber ich weiß, was Du sagen willst. Und Du kennst ja den Hintergrund von THE HOUSE OF USHER ein wenig. Unsere musikalische Sozialisation fand in den 1980ern statt, als wir Bands wie THE SISTERS OF MERCY, BAUHAUS; JOY DIVISION und THE CURE gehört haben. Ich glaube, wir klingen heute noch so, auch wenn andere Einflüsse hinzukamen … U2, SIMPLE MINDS, DEPECHE MODE, COLDPLAY … aber seltsamerweise würdest Du ein THE HOUSE OF USHER-Album sofort erkennen, wenn Du schon mal was von der Band gehört hast. Meine Rolle ist in erster Linie die des Sängers, aber vielleicht ist es noch wichtiger, dass ich über die vergangenen inzwischen 25 Jahre über das Weiterbestehen und die Kontinuität gewacht habe. Ich habe einmal gesagt, dass alle Musiker der Band den Körper bilden, dass ich aber die Seele beisteuern muss. Ja, ich glaube, das trifft es ganz gut!
Michael Schmidt: Welche CD sollte man als erstes goutieren, wenn man die Band noch nicht kennt?
Jörg Kleudgen: Oh, das ist schwer zu entscheiden! Mein persönlichstes Album ist „Angst“, aber ich glaube nicht, dass es einen breiteren Geschmack trifft. Dazu ist es zu rau. „Pandora’s Box“ von 2011 und das 2006 erschienene „Radio Cornwall“ sind die populärsten Alben mit sehr eingängigen und stimmungsvollen Stücken. Die kann ich beide guten Gewissens empfehlen.
Michael Schmidt: Die Anthologie Necrologio (Blitz Verlag) erschien zum 20jährigen Jubiläum von The House Of Usher. Wo ist die genaue Verbindung zwischen deiner Musik und deiner Literatur?
Jörg Kleudgen: Die Verbindung ist alleine durch den Namen vorgegeben, aber der sollte nie Programm sein, in dem Sinne, dass wir lauter Poe-Texte vertonen würden. Das haben wir nie getan. Aber Poe fühle ich mich schon sehr verbunden, und ich glaube, es ist mehr die Ästhetik seiner Geschichten, die uns beeinflusst hat.
Musik und Literatur sind für mich untrennbar miteinander verbunden. Eigentlich kommt noch ein dritter, graphischer Bereich hinzu. Unter anderem habe ich den „Kingsport“- und nun auch den „Ulthar“-Reiseführer des Basilisk-Verlages illustriert. Bei meinen/unseren Veröffentlichungen ist mir ein stimmiges Gesamtbild sehr wichtig. Es muss sich einfach richtig anfühlen.
Bei Necrologio war die Verbindung sehr eng und auch nach außen hin sichtbar, mehr noch bei Cosmogenesis (ebenfalls Blitz-Verlag), das einige Geschichten zu Titeln des gleichnamigen Albums von THE HOUSE OF USHER enthält.
Und dann sind da noch die Erzählungen, die in den Booklets der CDs abgedruckt sind, und von denen ich glaube, dass es meine besten sind!
Michael Schmidt: Du schriebst zusammen mit Michael Knoke den Roman Totenmaar, der den Vincent Preis 2011 gewann. Michael Knoke ist ja leider schon verstorben. Wie war euer Verhältnis und was für ein Mensch war er?
Jörg Kleudgen: Unsere Zusammenarbeit war von einem unvergleichlichen gegenseitigen Vertrauen und Respekt gekennzeichnet. Ich habe das nie wieder in ähnlicher Weise bei einem anderen Autor erleben dürfen, was mir besonders in der Zeit direkt nach Michaels Tod sehr zu schaffen gemacht hat. Ich habe verschiedene Versuche unternommen, einen anderen passenden Co-Autor zu finden, aber es nicht gut funktioniert. Das Tolle an der Arbeit mit Michael war, dass jeder von uns einen begonnen Text des anderen problemlos übernehmen und weiterführen konnte. Obwohl wir uns im Schreiben doch sehr unterschieden. Ich bewundere Michael für seine Gabe, selbst scheinbar nebensächlichen Dingen wie einer morgendlichen Rasur oder dem Kaffeekochen eine tiefere Bedeutung zu geben und solchen Ritualen in seinen Geschichten Raum zu geben. Er war für mich immer mehr als nur ein Autor von phantastischer Literatur, denn nur in den wenigsten Geschichten ging es ihm darum, eine spannende Geschichte zu erzählen. Das Schreiben war für ihn eine Methode, um mit dem Wahnsinn des Alltags klarzukommen. Als ausgesprochen sensibler Mensch war er verletzlich, und obwohl er nicht durch Suizid gestorben ist, kam es mir vor, als sei er an der Welt zugrunde gegangen. Texte wie das phantastische „Im Wendekreis der Angst“, „Vom Flüstern der Mollusken“ oder „Der kataleptische Traum“ haben immer eine starke autobiographische Komponente.
Ich habe mit Michael anfangs zahllose Briefe ausgetauscht und oft telefoniert. Mit Aufkommen des Internets haben wir uns täglich mindestens einmal geschrieben. Persönlich getroffen habe ich ihn nur ein einziges Mal.
Michael Schmidt: Kann man erkennen welcher Teil von Michael und welcher Teil von dir ist? Wo sind eure Unterschiede als Autor?
Jörg Kleudgen: Also, die Teilung ist relativ deutlich … die erste Hälfte stammt von Michael, ist aber erst nachträglich verfasst worden, als ich die zweite schon fast fertig hatte. Michael war ja für Uwe Voehl eingesprungen, der aus dem Projekt ausgestiegen war, als ich schon ziemlich weit war. Michael hat sich in die Thematik wunderbar eingefühlt, und man merkt gar nicht, dass er die Orte nicht kannte, an denen die Geschichte spielt. Diesbezüglich habe ich bei der Überarbeitung natürlich auch nachbessern können. Ich denke schon, dass der Roman sich wie aus einem Guss liest, wobei Michaels Stärke wie immer in der erschreckend authentischen Schilderung des Seelenlebens des Protagonisten liegt.
Michael Schmidt: Saburac gewann den Vincent Preis 2013. Herzlichen Glückwunsch! Was bedeutet dir ein solcher Preis. Ist ja immerhin das zweite Mal dass du die Romankategorie abräumst.
Jörg Kleudgen: Der Vincent-Preis ist die einzige Auszeichnung, die mir wirklich etwas bedeutet. Und wahrscheinlich ist es auch die einzige, bei der ich überhaupt eine Chance habe.
Als Saburac zum besten Roman gewählt wurde und ich in Marburg die Urkunde entgegennahm, wurde mir richtig schwindelig. Ich hatte damit nicht gerechnet, nicht, nachdem kurz vorher einige schlechte Leserkritiken auf www.amazon.de laut geworden waren. Mir fehlten dann auch bei der Preisverleihung die Worte. Ich kann so etwas sowieso nicht gut … da stehen, ein Lob entgegennehmen und dann noch etwas Kluges dazu sagen.
Michael Schmidt: Saburac erschien gedruckt bei Goblin Press und unter dem Namen „German Gothic“ als E-Book bei der Horror Factory. Wie kam es dazu? Man hört auch, die Versionen unterscheiden sich.
Jörg Kleudgen: Ich habe für die E-Book-Version einen neuen Anfang und ein alternatives Ende geschrieben, weil ich schon befürchtet hatte, dass ein typisch offenes Kleudgen-Ende nicht dem Geschmack eines größeren Publikums entsprechen würde. Die Änderung des Titels erfolgte auf Wunsch des Verlags/Herausgebers, außerdem wurde Beuringen in Mahringen umbenannt. Ich hatte die Geschichte eigentlich als Geburtstagsgeschenk für meine Frau verfasst und dabei auf ein älteres Fragment zurückgegriffen, „Das Tagebuch des toten Träumers“, das wieder eine ganz eigene Geschichte hat.
Nun, in der Goblin-Press gab es dann eine kleine Auflage, und Uwe Voehl, der eines der Bücher in die Finger bekam, begeisterte sich für den Text so sehr, dass er anbot, ihn in die Horror Factory aufzunehmen. Das war eine mutige Entscheidung, die aber zur Vielfalt der Reihe beigetragen hat. Wobei ich gestehen muss, dass ich nicht mal einen E-Bookreader besitze und auch das German Gothic-E-Book nicht habe. Das dazugehörige Hörbuch finde ich aber sehr gelungen!
Michael Schmidt: Dieses Jahr ist das Buch Die Horror-Fabrik erschienen. Erstens ähnelt sie Saburac und zweitens scheint der Bezug zu Horror Factory offensichtlich. Erzähl doch mal von dem Buch und seiner Entstehungsgeschichte.
Jörg Kleudgen: Nach dem Erscheinen von Saburac bzw. German Gothic hatte ich das Gefühl, dass Beuringen (übrigens ein umgangssprachlicher Name für meine gegenwärtige Heimatstadt Büdingen) noch Inspiration für mindestens eine Fortsetzung bereithielt. Tatsächlich dachte ich an eine „Beuringen“-Trilogie, deren dritter Teil aber noch nicht fertiggeschrieben ist. Gleichzeitig war die Resonanz auf German Gothic in der Horror Factory ja sehr unterschiedlich. Ich glaube, viele Leser waren damit einfach völlig überfordert und hätten gerne alles erklärt gehabt, was in der Geschichte offen bleibt. Die Horror-Fabrik sollte in sich abgeschlossener wirken, und ich hatte die Hoffnung, das Buch könne vielleicht als letzter Band der Reihe erscheinen, bei der schon damals absehbar war, dass sie eingestellt würde. Ich finde aber, dass es in der Goblin-Press wunderbar aufgehoben ist!
Die Horror-Fabrik handelt von einer alten Fabrik vor den Toren Beuringens, die eine schlimme Vergangenheit hat. Niemand, nicht einmal die Arbeiter wissen ganz genau, was dort eigentlich hergestellt wird. Als der Protagonist als Inspekteur zur Messung der Umweltwerte dort eintrifft, ist gerade eine Mitarbeiterin verschwunden. Es heißt, es habe einen Streit zwischen ihr und dem Inhaber Max Sandmann gegeben. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit …
Michael Schmidt: In der Goblin Press erscheinen handgemachte Bücher. Und das in Zeiten der Uniformität. Wie kam es dazu und wie ist das Feedback der Leser?
Jörg Kleudgen: Nun, die Goblin-Press hat ja früher (Anfang der Neunziger) schon Kleinauflagen herausgegeben, die um die Jahrtausendwende „professioneller“ gedruckt wurden. Durch die Tatsache, dass ich immer mehr Arbeiten auslagern musste, weil ich sie selber nicht mehr bewältigen konnte, habe ich dann irgendwann den Bezug zu diesem Kleinverlag verloren. Gleichzeitig habe ich als Autor bei anderen Verlagen wesentlich höhere Auflagen erzielen können. Die Goblin-Press hatte ihre Daseinsberechtigung verloren. Aber irgendwann habe ich dann gemerkt, dass mir dieses Gefühl fehlt … ein Buch vom ersten Wort über die Illustration bis hin zur Vervielfältigung bis zur Bindung und dem Schutzumschlag zu begleiten und all das selber in der Hand zu haben. In dieser Hinsicht war STELLA MARIS eine Offenbarung für mich. Nach all den größeren Veröffentlichungen kamen mir fast die Tränen vor Rührung, als ich dieses Büchlein aus dem Copy Shop abholte. Ein so befriedigendes Gefühl hatte ich seit langem nicht mehr beim Erscheinen eines Buches von mir gehabt. Ich habe es die ersten Tage überall mit hingenommen, weil ich immer wieder hineinschauen musste.
Die Resonanz der Leser ist durchweg sehr gut, wobei ich sagen muss, dass der Leserkreis ein sehr auserlesener sind. Meistens liegt die Auflage bei rd. 50 Exemplaren. Mehr könnte ich auf diese Weise aber auch kaum herstellen (lassen), da die Seiten ja vor der Bindung einzeln von Hand gefaltet werden.


1 Kommentar:

  1. Tolles Interview. Jörgs bescheidenen und intelligenten Antworten folgt man nur zu gern. Freue mich schon auf Teil 2

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