Harald A. Weissen (Interview)


Michael Schmidt: Hallo Harald, stell dich den Lesern von Zwielicht kurz vor!

Harald A. Weissen: Ich liebe das Abenteuer und das Unbekannte. Wenn es eine realistische Möglichkeit gäbe, würde ich jetzt sofort, in diesem Augenblick, das All bereisen, da es keine weißen Flecken mehr auf der irdischen Landkarte gibt. Dafür haben wir Bücher und Filme, in die wir uns kopfüber stürzen können, was ja auch nicht schlecht ist.
In meinem Pass steht zwar, dass ich angeblich 42 Jahre alt bin, doch ich denke, dass es sich da nur um einen Druckfehler handeln kann. Nebst der Leidenschaft fürs Lesen, das Schreiben, gelegentlichen Sport und Musik begann ich vor ein paar Jahren mit vermehrtem Reisen in entlegene Länder. Etwas, das ich als äußerst wichtig erachte um den persönlichen Horizont zu erweitern sowie innere Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden – Werte, die in unserer Leistungsgesellschaft leider viel zu kurz kommen.
Vielleicht macht es noch Sinn, an dieser Stelle eine Auswahl meiner Lieblingsautoren und wichtigsten literarischen Einflüsse zu erwähnen:
Stephen King war der erste und wohl wichtigste Dominostein, der das Bedürfnis zu schreiben in mir auslöste. Clive Barker lehrte mich Sprachgefühl und die Ästhetik des Blutes. Dan Simmons führt mir noch heute mit jedem Buch aufs Neue vor Augen, wie wichtig umfangreiche Recherche ist. Und Haruki Murakami konfrontierte mich mit der Tatsache, wie grundlegend eine funktionierende Psychologie, Philosophie und Metaebenen in allen Geschichten sind.



Michael Schmidt: Deine Novelle 'Am Ende eines Sommers' ist in Zwielicht 4 erschienen. Worum geht es in der Geschichte?

Harald A. Weissen: Ich wollte die Geschichte eines normalen Mannes erzählen, der Fehler macht, falsche Entscheidungen trifft, darunter zu leiden hat und fortan mit allen Konsequenzen leben muss. Ein Mann, der entdeckt, dass das farbenfrohe Bild von der Welt, wie er es sich ausmalt, nur am Rande mit der Realität zu tun hat.
Er begegnet in einem Supermarkt seiner Jugendliebe, und während er sich an die lange zurückliegende Kindheit erinnert und den Vorhang der Nostalgie erst einmal zur Seite schiebt, kommen dahinter verdrängte Dinge hervor, die scharfe Zähne haben.
Als er im Verlauf der Geschichte diese junge Frau konfrontiert, merkt er, dass sich hinter der ins rechte Licht gerückten Vergangenheit noch weitere Ebenen befinden – auch das Mädchen durchlitt einen Alptraum, der sie für den Rest ihres Lebens veränderte. Im Grunde schildert die Geschichte einen Ausschnitt aus einer endlosen Kette von Angst und Leid, das sich durch sich selbst fortpflanzt.

Michael Schmidt: Warum würdest du gerade diese Geschichte den Lesern empfehlen? Worin unterscheidet sie sich zu einer gewöhnlichen Horrorstory?

Harald A. Weissen: Ich bin nicht sicher, was du mit einer 'gewöhnlichen Horrorstory' exakt meinst, vermute aber, dass du das klassische Muster ansprichst, in dem sich ein Protagonist einem wie auch immer gearteten Grauen gegenüber sieht, dieses mit allen Mitteln bekämpft und schließlich siegt. Oftmals weisen meine Geschichten auch diese Strukturen auf, da ist ja nichts Schlechtes dran.
Ich beleuchte bloß andere Aspekte, die mir wichtiger als viel Action und tonnenweise rasende Handlung sind. Und ich versuche ehrlich zu sein – wer dem absoluten Grauen begegnet, wird nie mehr wieder er selbst sein. Er wird als seelisches Wrack zurück im Leben bleiben und für den Rest seiner Zeit unter der Begegnung leiden.
Ich will den Leser mit auf eine Reise in ein grausames Land nehmen, von dem er vielleicht denkt, dass er es kennt, aber schnell erkennen muss, dass er keine Ahnung hat, was da auf ihn zukommen wird. Im Grunde genommen versuche ich, so gut wie nur irgend möglich, Klischees zu vermeiden, oder ich spiele mit ihnen.
Und ich denke, dass mir das in 'Am Ende eines Sommers' recht gut gelungen ist – aber entscheiden kann das natürlich nur der Leser selbst. Es liegt in der Natur der Sache, dass man als Autor oft etwas betriebsblind ist.



Michael Schmidt: 'Eldorado' gewann 2008 eine Ausschreibung und erschien aktuell als Nachdruck in Zwielicht Classic IV . Erzähl uns doch mal die Entstehungsgeschichte!

Harald A. Weissen: Wie so oft im Leben ist die Wahrheit ziemlich unspektakulär. So auch bei 'Eldorado'.
Für eine Weile war ich fasziniert von der Tiefe, die eine weiße Fläche, ein auf den ersten Blick leeres Gemälde, haben kann. Man kann es anstarren, sieht nichts und trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass da etwas ist. Etwas wichtiges. Etwas, das aus einem selbst kommt und erst auf dieser weißen Projektionsfläche Gestalt annimmt.
Während dieser Zeit spielte ich zudem oft mit dem Gedanken, Geschichten in einem in der Zukunft liegenden Zürich anzusiedeln – ein Stadtstaat namens Neu-Zürich, in dem Horror, Science Fiction Themen, Alpträume und der ganz alltägliche Wahnsinn aufeinandertreffen und sich entfalten können. Der ausschlaggebende Punk aber, der mich letzten Endes dazu motivierte, in die Tasten zu hauen, war die Erwähnung von Stephan Eichers damals (2007) neuem Album im Radio. Und das hieß Eldorado. Ich fand die Besessenheit, die untrennbar zu diesem sagenhaften Land des Goldes gehört, schon immer faszinierend und hielt dies in Kombination mit einem leeren Gemälde in einem futuristischen Zürich für unwiderstehlich.

Michael Schmidt: Dein Roman Begegnung mit Skinner gewann den Vincent Preis 2010 und erzählt eine surreale Geschichte. Wie kam es zu der Idee und ist der Roman, der ursprünglich im Sieben Verlag erschien, noch erhältlich?

Harald A. Weissen: Ich interessiere mich schon seit langem für Psychologie und konsequenterweise auch für psychologisch geschädigte oder beeinträchtigte Personen.
Da liegt es nicht fern, dass ich mich eines schönen Tages fragte, wie ich ein schweres Trauma auf ungewöhnliche Art darstellen könnte, vor allem aus der Sicht der betroffenen Person. Damals hat es sofort ’klick’ gemacht und ich schrieb das erste Kapitel in einem Rutsch.
Darin unterhält sich eine junge, etwas seltsame Frau mit einem grauhäutigen, unglaublich dünnen Wesen, das auf dem Rand ihrer Badewanne sitzt und ihr Verstand ist. Gemeinsam mit Salvador Skinner, dem letzten Illusionisten, machen sie sich auf die Suche, um die Kreativität des Mädchens zu suchen, die ebenfalls als eigenständiges Wesen existiert, scheinbar finstere Pläne schmiedet und den Kontrollraum finden will – ein von Legenden umrankter Ort, an dem alles Große und Wichtige, das in der Welt geschieht, seinen Ursprung findet.
Ein Leser hat in einem Forum mal geschrieben, dass ihm Begegnung mit Skinner wie eine äußerst grimmige Alice-im-Wunderland-Geschichte vorkomme. Ich bin der Meinung, dass das der wunderbarste Vergleich ist, den ich bisher gehört habe.
Was die Erhältlichkeit des Romans betrifft, kann man ihn sich in jedem Buchgeschäft, natürlich auch bei Amazon oder am besten direkt beim Verlag bestellen.

Michael Schmidt: War nicht mal eine Art Fortsetzung geplant?

Harald A. Weissen: Keine direkte Fortsetzung, aber ein Roman, der im selben surrealen Universum spielt. Da sich Salvador Skinner bei der Leserschaft einer unglaublichen Beliebtheit erfreut, gewähre ich ihm sogar einen Gastauftritt.
Etwa ein halbes Jahr nach 'Begegnung mit Skinner' begann ich an der Geschichte zu arbeiten, musste aber nach einer Weile abbrechen, da mein Brotjob mich mit Arbeit überhäufte und einfach keine Zeit und Energie mehr vorhanden war, um weiterzumachen.
Jetzt sieht es allerdings weitaus besser aus und ich plane, den zur Hälfte fertigen Roman dieses Jahr wieder in Angriff zu nehmen. Auf meiner Homepage http://haraldweissen.ch/ (die ich dringend wieder mal aktualisieren müsste) ist das erste Kapitel als Leseprobe vorhanden, falls jemand neugierig ist.

Michael Schmidt: Deine Geschichten fallen immer ein wenig aus dem Raster. Was motiviert dich beim Schreiben und welche Intention verfolgst du?

Harald A. Weissen: Ich halte es für eine große Zeitverschwendung, dem Leser Dinge aufzutischen, mit denen er sich schon dutzende Male vorher auseinander gesetzt hat, auch wenn er diese Dinge vielleicht mag und daher einen einfachen Zugang hat.
Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Autor, der sich wirklich bemüht, selbst den klischeehaftesten Elementen, Kreaturen und Ideen noch neue Seiten abgewinnen kann und dass ein interessierter Leser das auf jeden Fall zu honorieren weiß, auch wenn es mal etwas Kopfarbeit bedarf. Vielleicht erzeugt man damit keinen schnellen kommerziellen Erfolg. Aber die Leute vergessen einen nicht, und das ist mir persönlich wichtig.

Michael Schmidt: Gibt es neben den drei genannten Geschichten noch weitere Veröffentlichungen? Und hast du einen persönlichen Favorit?

Harald A. Weissen: Es gibt noch einige Kurzgeschichten in Anthologien, aber nicht sehr viele, da ich mir immer sehr viel Zeit zum Schreiben lasse.
Mein persönlicher Favorit ist 'Nachtsendung' in der großartigen Anthologie 'Painstation', die von Alisha Bionda und Michael Krug zusammengestellt wurde und bei Voodoo Press erschien.
Ebenfalls am Herzen liegt mir 'Wenn Eulen schweigen', eine surreale Kriegsgeschichte, die in der leider längst vergriffenen Anthologie 'Casus Belli' erschien – ich hoffe ja, dass Herausgeber Torsten Scheib mal nach einer Möglichkeit sucht, diesen Band nochmals irgendwo zu veröffentlichen.
Dann ist da noch die ebenfalls in Neu-Zürich angesiedelte Geschichte 'Hypothermie', die in 'XUN' Ausgabe 28 erschien und sich um Telepathie-Wettkämpfe dreht. Mit den von mir nicht an dieser Stelle erwähnten Geschichten bin ich aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ganz zufrieden, trotzdem liebe ich sie wie rotzfreche Kinder, die einfach nicht immer tun, was man von ihnen verlangt.

Michael Schmidt: Woran arbeitest du gerade?

Harald A. Weissen: Ich schreibe an einer Geschichte für die sich in Planung befindende Anthologie 'Die grüne Muse', in der Absinth den verbindenden roten Faden darstellt. Dabei handelt es sich um ein Herzprojekt Alisha Biondas, in dem eine ganze Reihe toller Autoren mit an Bord sein wird: Marc-Alastor E.-E. und Christian Endres, Vincent Voss und Torsten Scheib, und viele, viele mehr. Danach steht eine Geschichte für 'Mängelexemplare 3' an – eine Anthologie, auf die ich mich ebenfalls sehr freue.
Und wenn diese Geschichten zu Papier gebracht worden sind, nehme ich die Arbeit an meinem zweiten Roman wieder auf. Zumindest ist das der Plan – nur dass ich es liebe, meine Pläne ständig und so richtig über den Haufen zu werfen.

Michael Schmidt: Welche Veröffentlichungen stehen an?

Harald A. Weissen: In den nächsten ein oder zwei Monaten sollte die ebenfalls von Alisha Bionda ins Leben gerufene Anthologie Animals World bei p.machinery erscheinen – ich schreibe 'sollte', da der Band seit einiger Zeit immer wieder verschoben wird.
Meine Story hört auf den unschuldigen Namen 'Wir sind dann mal weg …' und umspannt das ganze Leben eines einzelgängerischen Jungen, Romeo, der eigentlich nur einen echten Kumpel hat: der Teufel in Form eines Goldfisches. Der Knabe wird im Verlauf der Geschichte Autor vielerlei weltbewegender Werke und hilft – sich dessen unbewusst – mit, dass eine neues göttliches Wesen entsteht, das … Aber das könnt ihr selber lesen. Die Story ist voller Humor und philosophischer Momente und gehört ebenfalls zu meinen persönlichen Favoriten.

Michael Schmidt: Die deutschsprachige Horrorszene lebt und gedeiht. Wie würdest du sie einschätzen?

Harald A. Weissen: Ich denke, dass die deutschsprachige Horrorszene in den letzten Jahren vor allem an einem mangelnden Selbstbewusstsein kränkelte.
Das führte dazu, dass Autoren immer mehr gut verkauften Autoren nacheiferten, anstelle eine eigene kräftige Stimme zu entwickeln, und die Verlage griffen lieber zu eben diesen ausländischen Bestseller-Autoren. Ist ja auch verständlich, nur wurde damit leider eine abwärts führende Spirale erzeugt.
Und wie jeder weiß, ist so ein Prozess nur sehr schwer wieder aufzuhalten.
Erfreulich ist allerdings, dass sich dieser Prozess gerade in letzter Zeit zu verlangsamen scheint. Neue Autoren tauchen auf, machen sich Gedanken zur Szene und verfolgen ihre eigenen Wege.
Zudem sprießen kleine Verlage förmlich aus dem literarischen Boden, gedeihen und werden größer.  Und erfreulicherweise zeigen gerade diese kleineren Verlage weitaus mehr Mut, wenn es um nicht stromlinienförmige, massentaugliche Romane, Novellen und Kurzgeschichten geht.
Die Arbeit und das vergossene Herzblut scheint Früchte zu tragen: Gerade erschien der Horrorroman Klammroth von Isa Grimm im Bastei Verlag, einem Publikumsverlag. Bleibt zu hoffen, dass dieses Herantasten eines 'Großen Alten' an unser aller liebstes Genre kein Einzelfall bleibt.

Michael Schmidt: Welche Autoren würdest du einem interessierten Leser empfehlen?

Harald A. Weissen: Nebst den von mir weiter oben schon genannten Schreiberlingen empfehle ich immer wieder gerne Joe R. Lansdale, ein Meister dunkler Crime-Stories und Dramas. Joe Hill liefert tollen Horror.
Ted Chiang halte ich für den interessantesten Science Fiction Autor der letzten Jahre. Neil Gaiman gehört mit zu den talentiertesten Erzählern phantastischer Geschichten. Aber vor allem hat es mir Matt Ruff wie kein anderer angetan. Bei ihm ist jeder Satz pure Magie.

Michael Schmidt: Ein letztes Wort an die Meute dort draußen!

Harald A. Weissen: Klar! Seid fruchtbar und vermehrte euch!




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