Marcus Richter (Interview)

Michael Schmidt: Hallo Marcus, stell dich den Lesern von Zwielicht kurz vor!


Marcus Richter: Da gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Ich bin Jahrgang 76, werde also langsam älter. Ich habe auch mal studiert, dieses und jenes, habe nebenher als Kellner gearbeitet, geschrieben und alles laufen gelassen bis ich darüber ziemlich zufrieden wurde. Heute bin ich verheiratet und habe neuerdings zwei kleine Mädchen. Ich mache also jetzt Sachen, die Väter gemeinhin so tun, um gute Väter zu sein und umschiffe dabei so gut es geht die Klippen des Spießertums.

Michael Schmidt: Rex nemorensis aus Zwielicht III wurde für den Vincent Preis 2013 nominiert. Herzlichen Glückwunsch zu deiner dritten Nominierung!


Marcus Richter: Jau, das hat mich auch wieder überrascht. Ich hatte dieses Mal nicht damit gerechnet. Frag mich nicht warum. Beim Schreiben ist für mich der Selbstzweifel der entscheidende Motor, damit eine Geschichte nicht im Abfalleimer landet – danach treibt er mich mit wunderbarer Regelmäßigkeit in den Suff, bis ich mich da wieder raus hab. Jetzt kann ich mir den Suff nicht mehr leisten und wundere mich stattdessen über die Welt und die Leute, die meine Geschichten manchmal anscheinend genauso sonderbar finden wie ich selbst. Ich kann mich da nur bei den Leuten bedanken. Naja und Jürgen Briel freut sich natürlich auch, er hat ja für die Geschichte ein paar ganz beschissene Operationen durchgemacht.

Michael Schmidt: Worum geht es in der Geschichte?

Marcus Richter: Wie gesagt, es geht auch um ein paar Operationen und dann um diesen Herrn Briel, der in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern eine Moorleiche untersuchen soll. Dann wird alles ein wenig kompliziert, aber wer meine Geschichten kennt, der weiß, dass es dann immer kompliziert wird. Jedenfalls entdeckt Briel, dass es da einen verdammt alten römischen Kult gibt, den eines Priestergottes, des Rex Nemorensis. Tja, und wer sich mit der römischen Geschichte ein wenig auskennt wird jetzt schon ahnen, dass da irgendwas ziemlich gruselig ist, wenn man einen alten, römischen Kult nordöstlich des Rheins entdeckt, wo die Römer bekanntlich nie einen Fuß auf den Boden bekamen.

Michael Schmidt: Ursprünglich hieß die Geschichte ja „Der schwarze Gott“. Du überarbeitest ja deine Geschichten immer recht gründlich und umfassend. Erkläre mal warum du das machst.

Marcus Richter: Ganz ehrlich? Weil es sehr gute Geschichten auf dieser Welt gibt, die alle nicht von mir sind, und ich lese manchmal solche Geschichten und bin hin und weg. Tja, und dann braucht es manchmal nicht viel, um zu wissen, dass ein Text aus der eigenen Feder vielleicht ganz nett ist, aber eben nicht gut. Außerdem gibt es immer eintausend Sackgassen innerhalb einer Geschichte, die man manchmal erst alle abklappern muss, bevor man durchs Goldtor schreiten kann.


Michael Schmidt: Aus der Prä-Zwielicht Zeit ist „Unbefleckte Empfängnis“. Erst eine kurze Geschichte, dann die lange Fassung auf der Leselupe. Letztere wurde dann in „Die dunkle Seite“ veröffentlicht. Für die Neuveröffentlichung in „Zwielicht Classic III “ hast du die Geschichte nochmal überarbeitet. Erzähl uns doch mal die Geschichte zur Geschichte!

Marcus Richter: Es war damals meine erste ernstzunehmende Arbeit. Ich hab da noch viel aus dem Bauch heraus geschrieben. Ich machte das nach dem Beat-Poeten-Prinzip, drei Tage durchschreiben – fertig. Das war für den Anfang ok, auch weil ich damals noch auf viele Fragen, die mich beschäftigt haben, keine Antwort wusste. Das ist heute ein wenig anders. Ich bin, glaube ich, komplizierter geworden. Was sich aber nicht verändert hat, ist mein Interesse als Horrorautor für den Zweiten Weltkrieg. Das Thema ist so dankbar, dass man sich als deutscher Autor geradezu ein Loch ins Knie freuen müsste, weil man kein Schweizer ist sondern zur Täternation gehört. Niemand außer uns darf schließlich so gewissenlos über die eigene Vergangenheit nachdenken und in deren blutigen Eingeweiden herumwühlen. In diesem Sinne war damals „Unbefleckte Empfängnis“ der richtige Schritt in die richtige Richtung – ich bin schließlich der aufrichtigen Überzeugung, dass Horrorliteratur einen ganz anderen Zweck als die seichte Unterhaltung à la blutige Soap-Opera erfüllen sollte. Seit Fukushima juckt es mir sowieso wie Neurodermitis unter den Fingernägeln endlich mal dieses Thema in einer deutschen Horrorgeschichte unterzubringen, aber das ist nur Musik in meinen Ohren, schließlich kann man nicht alles schreiben.

Michael Schmidt: „Feuerhaut“ aus Zwielicht 2 und „Subcutis“ aus Phase X3 (auch in Zwielicht Classic 2 enthalten) wurden für den Vincent Preis nominiert. Worum geht es in den Geschichten?



Marcus Richter: „Feuerhaut“ war eine von diesen Geschichten, die sich auf unsere wunderbare Deutsche Vergangenheit beziehen. Es geht da um einen unsterblichen jüdischen Feuerdämon, der in den Brennöfen von Ausschwitz sozusagen gestählt wurde und dazu verdammt ist auf Erden zu wandeln, bis der Tod aller Juden in den Gaskammern gerächt wird. Das Ganze ist aber nicht so politisch korrekt, wie es sich anhört. „Subcutis“ gehört zu meinen Lieblingsgeschichten. Es ist eine von jenen Geschichten, wo die Überarbeitung genau jene Früchte trug, die ich mir vorgestellt hatte. Es geht dabei um einen Jungen, dessen Unterhaut, also die Subcutis, zu fressen beginnt – erst seine eigene und dann die von denen, die auf dieser Welt nur ihren Vorteil suchen.

Michael Schmidt: Du hast schon einige Geschichten veröffentlicht. Nenn uns doch mal deinen persönlichen Favoriten!

Marcus Richter: Subcutis, und zwar in der Überarbeitung für Zwielicht Classics. Aber nur der Schluss, ich weiß nicht, die letzten zwei Seiten. Da gab es diesen Augenblick – wer selber schreibt, weiß was ich meine.

Michael Schmidt: Deine Geschichten sind in zahlreichen Anthologien verstreut. Wann gibt es mal einen Sammelband?

Marcus Richter: Ich glaube, das ist Musik von übermorgen. Ich bin eigentlich zu selbstkritisch, um meine alten Sachen in einem Band herauszugeben. Außerdem glaube ich, dass ich seit „Feuerhaut“ erst so richtig zu schreiben angefangen habe – dann kam eine Übergangszeit, und jetzt bin ich eigentlich erst da, wo ich mich gerne sehe – am Anfang.

Michael Schmidt: Woran arbeitest du gerade?

Marcus Richter: Es gibt eine Erzählung und zwei Novellen, die mehr oder weniger da sind und mich in den Arsch kneifen. Habe ich schon erwähnt dass ich gerade wieder Vater geworden bin, einem Tagwerk nachgehe und für meine Familie nochmal im Beruf umsattle? Glaubt irgendwer hier, dass da Zeit ist, um an einer Novelle zu arbeiten?

Michael Schmidt: Welche Veröffentlichungen stehen an?

Marcus Richter: Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich gerade wieder Vater geworden bin? Aber nein, ganz ehrlich, ich bin froh, wenn ich mich wieder vor ein Papier setzen kann. Ich hoffe ja, dass ich für Zwielicht 5 wieder was Adäquates beisteuern kann, danach kommt dann eine der beiden Novellen, die den schönen Arbeitstitel „Schimmelherz“ trägt.

Michael Schmidt: Die deutschsprachige Horrorszene lebt und gedeiht. Wie würdest du sie einschätzen?

Marcus Richter: Da machst du ein Fass auf … Ich glaube, dass es um die deutsche Horrorszene gut bestellt ist, denn es gibt so ein paar durchgeknallte Unbelehrbare, die einfach das schreiben, was sie wollen und sich nicht von irgendeiner Maschinerie in irgendeine Richtung drängen lassen. Es ist wie überall, man kann sich entweder vom Geld regieren lassen oder von Ideen. Über diese Unbelehrbaren hinaus, gibt es dann da noch die Leute, die echt schreiben können und mich immer wieder baff machen – es sind die Leute, weswegen ich ein Buch aufschlage, es sind die Leute, die was schreiben, das mich vom Hocker haut. Da ich in gewisser Weise antiautoritär erzogen wurde, erwarte ich nicht, die Bücher dieser Leute bei Thalia vorzufinden, ich erwarte nicht einmal, dass sie von dem, was sie schreiben, leben können – aber eines erwarte ich immer: einen Text, den es so noch nicht gegeben hat.

Michael Schmidt: Ein letztes Wort an die Meute dort draußen!

Marcus Richter: Kauft dieses Buch von Jakob Schmidt, „Nichts Böses“, er ist einer von den Autoren, die das Ruder irgendwann rumreißen werden und unsere Seelen retten – ach ja, und lest Jörg Kleudgen, der Mann hat ein Herz und ein Gehirn. Darüber hinaus, lasst die Finger von dem kommerziellen Scheiß – gute Literatur findet man auf keiner Bestsellerliste!




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