Nina Horvath ( Interview)

Michael Schmidt: Hallo Nina, ich weiß, die meisten auf dem Buchmesseconvent und aus der Szene kennen dich. Stell dich trotzdem kurz vor!


Nina Horvath: Also gut: Ich heiße Nina Horvath und lebe in Wien. Ich habe Biologie studiert, aber das ist ja weniger interessant für die Leser der Andromeda Nachrichten. Ich bin jedenfalls ein Science-Fiction Fan mit Leib und Seele, ich sehe gerne solche Filme und Serien, mag Bücher und Hörbücher, verfasse auch hin und wieder Rezensionen und andere Sachtexte, gehe mehrmals jährlich auf Conventions, aber vor allem gilt meine Begeisterung dem Schreiben von Kurzgeschichten.

Michael Schmidt: „Die Duftorgel“ gewann 2012 den Deutschen Phantastik Preis. Herzlichen Glückwunsch! Wie waren deine Gefühle als du es erfahren hast und was bedeutet dir dieser Preis?

Nina Horvath: Als Autor sollte man das Wort „unbeschreiblich“ nicht in den Mund nehmen, denn wer nicht beschreiben kann, ist in dem Metier fehl am Platze. Es kommt aber dennoch ganz gut hin. Ich war sehr aufgeregt und hätte es am liebsten auch gleich verkündet. Das darf man allerdings nicht, Gewinner erfahren das ja nur unter strengster Geheimhaltungspflicht vorab. Es wusste ja nicht mal mein Verleger Harald Giersche von Begedia, obwohl ich ja eigentlich gedacht hatte, dass er es ahnen würde, wo ich doch so genau nachgefragt, ob er denn während der Preisverleihung anwesend sein wird. Für mich war es jedenfalls ein wichtiges Ziel und der Preis steht als Motivationshilfe immer auf meinem Schreibtisch.

Michael Schmidt: Du hast eine längere Verbindung zum DPP…

Nina Horvath: Ich war mit meiner ersten Veröffentlichung in einem Buch – vorher war ich bereits in zwei Fanzines – schon mal für den Preis nominiert. Ich bin da mit meiner Geschichte Hell dunkel, dunkel hell auf den zweiten Platz gekommen – hinter Bestsellerautor Andreas Eschbach. Seitdem hat mich das Ganze verfolgt. Ich war dann noch mal zusammen mit meinen Mitherausgebern für Metamorphosen – Auf den Spuren H.P. Lovecrafts für die beste Anthologie nominiert. Und da war es wieder der zweite Platz. Für den gibt es übrigens keine Trophäe, man wird nicht auf die Bühne gebeten, nichts. Und einmal bin ich in einer Dankesrede – nämlich von Preisträger Jörg Olbrich – vorgekommen, weil ich die Anthologie Die Formel des Lebens, in der seine Siegergeschichte stand, betreut hatte.

Irgendwann mal war ich schon ziemlich grantig. Ich habe ein gewisses Talent dafür, bei Awards auf Plätze zu kommen, die gut vorne liegen, aber keinen Gewinn darstellen. Wenn jemand bei einem Schreibwettbewerb Vierte wird, bin das oft ich. Oder Zweite oder Dritte, falls es dafür auch weder Preisgeld noch Urkunde gibt. Ich habe ja mit derselben Geschichte, die beim Deutschen Phantastik Preis gewonnen hat, ja auch den undotierten dritten Platz beim Deutschen Science Fiction Preis erreicht. Für den ersten hätte es tausend Euro gegeben.

So was summiert sich dann und ich war auch überzeugt davon, dass ich den so schnell nicht kriege. Dass man ihn mir bestenfalls irgendwann mal aus Mitleid gibt, wenn ich als senile alte Oma die Bühne raufzittern muss, gerade noch schnell genug, bevor ich dann hops gehe. Ähnliche Szenarien erlebt man ja bei Literaturpreisen immer wieder, oder aber die Verleihung posthum. Und dann habe ich ihn aber dann doch bekommen ohne eine Greisin werden oder sterben zu müssen. Hat zwar Jahre gedauert, aber dafür war es auch etwas ganz Besonderes für mich.

Michael Schmidt: Kaum war der DPP deiner, gab es die Meldung, ein Buch wird im Wurdack Verlag erscheinen. Erzähle mal!

Nina Horvath: Ich bin ja schon länger mit dem Verlag verbunden, immerhin hatte ich mehrmals Geschichten innerhalb der Science-Fiction-Reihe veröffentlicht. Später gab es eine Ausschreibung für Autorengruppen, eine Anthologie klassischer Phantastik mit Rahmenhandlung. Ich habe das bei den Geschichtenwebern angeregt, dass wir mitmachen und dann das Projekt auch geleitet. Aus dieser Ausschreibung ging dann letztendlich auch nur ein Buch hervor, und das war unseres mit dem Titel Die Formel des Lebens.

Das Angebot, diesen Geschichtenband zu machen, kam für mich dennoch sehr überraschend. Der Anlass war nicht unmittelbar der DPP, sondern folgender: Es gab eine Diskussion in einem Forum. Da habe ich mich wieder mal über die allgemeine Ratloskeit in einer Szenesache beklagt und Ernst Wurdack meinte, er hätte da einen Vorschlag, was man in der Richtung Interessantes machen könnte. Und das war eben dieser Geschichtenband. Ich habe dann mal vorsichtig per Mail nachgefragt, weil in einem Forum dahintippen, kann man ja bekanntermaßen schneller als nachdenken. Aber es war tatsächlich so: Ein Mann, ein Wort.

Auch das war eine Sache, die ich mir schon lange gewünscht hatte. Ich hatte auch nachrecherchiert, wie das mit Selbstverlag wäre, aber das war dann doch nicht das, was ich wollte. So habe ich einen Verlag, der einen sehr guten Ruf unter Science-Fiction Fans genießt und ich freue mich schon wahnsinnig auf das Buch!



Michael Schmidt: Warum ist das Buch limitiert?

Nina Horvath: Nachdem es Ernst Wurdacks Idee war, müsste man an und für sich ihn nach den Gründen fragen. Ich kann aber sagen, warum mir persönlich das Konzept gefällt: Das Ganze bedeutet mir einfach sehr viel, da das Buch den Großteil meines Schaffens umfasst. Wenn ich da ein hingerotztes E-Book damit verschenke – und es ist ja nicht so, dass ich nicht über die Möglichkeit nachgedacht hätte , das dann meist ungelesen auf Festplatten vergammelt, das wäre für mich ein Ausverkauf meiner selbst. Mir ist es lieber, wenn nur wenige Leute das lesen, die sich dafür bewusst darauf einlassen und die dann auch ein wirklich schönes Buch haben. Zu meiner Überraschung haben auch einige Leser das Buch bereits vorbestellt. – Übrigens hält sich der Preis meines Erachtens so im Rahmen, dass das für jemanden, der das Buch wirklich will, kein Hinderungsgrund sein sollte. Knapp unter 15 Euro für ein Hardcover ist ja echt moderat, selbst wenn man außer Acht lässt, dass jedes Exemplar durchnummeriert und signiert sein wird. Ich selbst wünsche mir allerdings das Ganze auch genau so, hätte aber eine etwas höhere Auflage bevorzugt.

Michael Schmidt: Wie kam die Auswahl der Geschichten zustande?

Nina Horvath: Im Grunde genommen ist es eine Gesamtausgabe aller von mir veröffentlichten Geschichten, die der Science-Fiction zugeordnet werden können. Es sind natürlich auch einige Genre-Crossovers dabei, aber was eindeutig keine SF-Elemente hat, kommt nicht rein. Ich schreibe ja auch manchmal reinen Horror oder Fantasy. Ausnahme sind zwei Geschichten, die noch vertraglich an Verlage gebunden sind. Hier muss ich warten, bis ich sie wieder veröffentlichen darf.

Michael Schmidt: An was schreibst du gerade?

Nina Horvath: Puh, das ist jetzt direkt eine peinliche Frage. So richtig ernsthaft fehlt es bei mir momentan. Ich hatte eine Lebenskrise, wo ich dann tatsächlich angefangen hatte, eine Fortsetzung zur Duftorgel zu schreiben. Jetzt habe ich ein hundertseitiges fast fertiges Unding in einer grässlichen Rohfassung, das so ziemlich alle No-Gos der Science-Fiction in sich vereinigt, wie eine lebensüberdrüssige und schlampig gekleidete Anti-Heldin, die alle, die es gut mit ihr meinen, mit ihren Befindlichkeiten nervt. Das Ende ist erst total krude, dann wird es auch noch kitschig. Ich glaube nicht, dass man das wem zumuten kann und erst recht keinem SF-Fan, wo der durchschnittliche Leser ja ein gestandener Mann ist.

Michael Schmidt: Und was ist in Planung bzw. erblickt demnächst das Licht der Welt?

Nina Horvath: Geplant ist immer so viel, dass ich selbst keinen Überblick mehr habe. Demnächst wird eine Geschichte in einer Horrorwestern-Anthologie erscheinen, die Michael Sonntag herausgibt. Ansonsten konzentriere ich mich jetzt auch darauf, dass ich mein Hobby zum Beruf mache. Die besten Chancen habe ich noch mit kurzen, journalistischen Texten, das schaut so aus, als würde das was werden. Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, gibt es ja genug, aber wenige, die auf regelmäßiger Basis sind und auch entlohnt werden. Ich bin aber guter Dinge, dass es nach dem guten Start weitergeht und zumindest ein bescheidener Monatslohn drin ist.

Michael Schmidt: Du bist auch als Herausgeberin tätig. Nenn uns doch mal ein paar Highlights!

Nina Horvath: Na ja, nachdem keine hundert Anthologien herausgebracht habe, bin ich mit der Nennung von „ein paar“ Highlights ohnehin durch ... Es war jede Anthologie, die ich herausgegeben oder bei der ich organisatorisch in einem Ausmaß beteiligt war, dass sich wohl niemand gewundert hätte, wenn ich als Herausgeberin genannt worden wäre, ein Highlight an sich. Da alle Anthologien, bei verschiedenen Verlagen erschienen sind, war das Ganze immer recht unterschiedlich.

Offiziell war ich Mitherausgeberin von Darwins Schildkröte, einer Anthologie mit humorvollen Science-Fiction-Geschichten und von Metamorphosen – Auf den Spuren H.P. Lovecrafts, einem Band zum Cthulhu-Mythos. Den Horrorband Die Schattenuhr habe ich alleine herausgegeben.



Michael Schmidt: Außerdem bist du als Lektor tätig. Wo und wie kam es dazu?

Nina Horvath: Das hat sich ergeben. Anfangs habe ich in Anthologieprojekten mitgearbeitet, wo die Autoren dazu angehalten waren, die Werke des jeweils anderen zu korrigieren. Da habe ich gemerkt, dass ich das kann. Und dass es mich begeistert, wenn ich dazu beitragen kann, dass eine gute Geschichte noch besser wird. Ich habe dann auch sehr viel „einfach so“ für Kollegen durchgesehen und war auch als ehrenamtliche Lektorin bei der Leselupe registriert. Das erste Mal so richtig offiziell war ich für den Atlantis Verlag im Einsatz. Das hat sich auch aufgrund einer Forendiskussion ergeben. Danach ging es eben weiter.

Michael Schmidt: Du bist ja schon länger in der Szene aktiv. Wie würdest du die Entwicklung der letzten Jahre beschreiben?

Nina Horvath: Entwicklungen in der deutschsprachigen Szene sind sehr gering. Ich bin übrigens erst zu Zeiten, wo das Internet sich bereits in den Haushalten etabliert hatte, eingestiegen, daher kann ich zu diesem wichtigen Schritt nichts beitragen und ich werde mich auch nicht in Mutmaßungen ergehen, was in Zeiten, wo meine Eltern noch die Schulbank gedrückt haben, anders war. Was mir allerdings auffällt, ist, dass das Selbstverlegen von Autoren inzwischen noch nie so leicht und mit so wenig finanziellem Einsatz zu bewerkstelligen war. Das schärft aber auch wieder das Bewusstsein der Leser, denn früher war halt jeder mit Buch bewunderswerter Autor, heute fragt man einfach genauer nach, wie das Ganze zu Stande gekommen ist.

Michael Schmidt: Du bist ein fleißiger Conbesucher, u.a. auch im europäischen Ausland. Berichte mal! Und was ist dort anders als hier.

Nina Horvath: Ja, bin ich. Im Grunde genommen praktisch nur im europäischen Ausland, denn auch Deutschland ist das ja von meiner Warte aus gesehen. Bei mir zu Hause in Österreich haben wir diese Conkultur in der Form gar nicht. Wir haben Mangaconventions, die durchaus gut besucht sein können. Phantastikconventions sind aber meistens nicht das, was man sich darunter vorstellt. Da gibt es halt mal so eine Art größeres Clubtreffen, aber auch wenn man als Neuling prinzipiell willkommen ist, hat das Ganze gefühlsmäßig keinen öffentlichen Charakter, wenn man dann bei ersten Mal wie ein bunter Hund in dem Grüppchen auffällt. Sehr oft ist das Ganze auch nur mal abends wie beispielsweise letztes Jahr der EuroSteamCon in Wien, was natürlich schön sein kann, was man aber keineswegs mit zumindest ganztägigen oder gar mehrtägigen Cons vergleichen kann. Man kann sehr viel mit einem Begriff belegen, allerdings habe ich selbst als Fan, der vor allem an phantastischer Literatur interessiert ist, noch nichts in Österreich gefunden, das mich in Sachen Convention zufrieden gestellt hätte.

Ansonsten hat es mich letztens mehr in den Osten verschlagen. Gerade nach Bratislava ist es ja nur eine Stunde von Wien aus und wenn man wie da keine nennenswerten Anreisekosten hat und kein Hotel braucht, ist die Entscheidung einfach schneller getroffen. Ich würde ja auch gerne mehr deutsche Cons besuchen, aber da ist die Reiseplanung aufwändig und das Ganze mit den Bahn- oder Flugtickets und Hotel nicht ganz billig. Jedenfalls schaut es so aus, als würde ich regelmäßig in der Slowakei aufschlagen. Weiters war ich Kroatien und der Ukraine.

Allgemein ist in diesen osteuropäischen Ländern das Fandom jünger. Aber nur durchschnittlich, anders als bei Mangacons, wo es kaum ältere Fans gibt und die auch oft beginnen, sich fremd zu fühlen, sind da durchaus auch Altfans, aber sie haben einfach nicht das Nachwuchsproblem, das es im deutschsprachigen Raum gibt.

Was mir aber speziell auffällt, ist der hohe Stellenwert der Science-Fiction in Osteuropa. Im deutschen Raum mietet man sich irgendwo ein, wo es gerade passt, während dort Universitäten und andere Bildungseinrichtungen die naheliegendste Location sind. Und man ist da nicht bloß drin, die Leutchen mit akademischem Hintergrund sind auch stolz drauf, das Ganze zu beherbergen! Außerdem kommt auch eher mal ein Fernsehteam und auch Laufgäste sind nicht so selten. In Deutschland fährt eher mal ein Fan von München nach Kiel zu einer Convention, statt dass mal wer aus der Nachbarschaft vorbeischaut. Das liegt daran, dass da wirklich fast ausschließlich die ganz hartgesottenen Szenisten kommen.

Weiters bemüht man sich mit Erfolg um Sponsoren und Kulturförderungen. Im deutschsprachigen Raum versucht man das meist nicht einmal. Schade. Das würde sicherlich ganz andere Möglichkeiten eröffnen.

Michael Schmidt: Jeder Autor hat seine Lieblinge. Welche deiner Geschichten liegt dir besonders am Herzen?

Nina Horvath: Normalerweise sorge ich mit meinen Themen gerne für Überraschungen, aber ich muss sagen: „Die Duftorgel“ ist tatsächlich mein Liebling. Ich mag alle meine Geschichten, weil sie letztendlich auch Teil von mir sind, aber hier habe ich vor allem recht viel Zuspruch von anderen Leuten erhalten. Natürlich hat mein Gewinn beim Deutschen Phantastik Preis und auch die Nominierung bei Deutschen Science Fiction Preis, die mit einer Drittplatzierung geendet hat, dafür gesorgt. Wer kann schon von sich sagen, dass ein Werk bei einem Publikums- und einem Jurypreis ähnlich gut angekommen ist?

Außerdem wird die Geschichte aktuell für ein Fanzine auf Slowenisch übersetzt. Da freue ich mich schon darauf und ich hoffe, dass ich damit wieder ganz neue Leser gewinnen kann.

Michael Schmidt: Wann kommt dein erster Roman?

Nina Horvath: Wahrscheinlich dann, wenn ich schon ein bisschen senil geworden bin und mir einbilde, ich müsste einen tausendseitigen Entwicklungsroman aus Sicht einer Amöbe schreiben. – Nein, aber Spaß beiseite, ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht auch gar nicht. Ich sehe Kurzgeschichten schreiben nicht als Vorbereitung fürs Romanschreiben an. Das ist einfach was Eigenes. Was anderes kann man natürlich trotzdem machen, muss aber nicht.

Michael Schmidt: Noch ein Wort an die Besucher des Bucon!

Nina Horvath: Geht hin, habt Spaß und redet miteinander! Es lohnt sich auf jeden Fall!





Kommentare

  1. Interessantes Interview!

    Das Buch habe ich jedenfalls schon vorbestellt und das "Unding" würde ich dennoch gerne lesen :-)

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