Tagebuch eines Rauchers

Anlass zu den Geschichten war eine Art Tagebuch, das ich im September 2003 führte. Von über 30 Zigaretten auf Null, das ist ein schöner Schock für Körper und Geist.
Immerhin dauert die rauchfreie Zeit bis heute an. Die Geschichte findet sich auch in dem ebook Geschichten der Dekadenz

1.Tag : Sie fließt nicht mehr



Sie fließt nicht mehr. Nein, eher stockt sie. Aber auch das nicht. Sie schreitet.

Würdevoll.

Majestätisch.

Wenn ich es positiv sehen möchte. Mache ich aber nicht.

Dehnbarkeit ist der Begriff, der mir zu schaffen macht. Eigentlich ein viel zu harmloser Ausdruck. Ja, wenn ich es mir recht überlege, viel zu harmlos. Man stellt sich einen Kaugummi oder eine Stretchjeans vor.

Oder man verwendet den Begriff für eine Einteilung. Was ist gerade noch gut?

Sehr dehnbar.

Was ist ertragbar? Da passt vielleicht eher das Wort strapazierbar. Worin unterscheidet sich dehnbar und strapazierbar?

Für mich ist das im Moment die bekannte Medallie mit den zwei Seiten und mir ist es ehrlich gesagt Schnuppe, welche Seite oben liegt, es bleibt die gleiche Medallie.

Oder sehen sie das anders?

Was ist eigentlich wichtiger : Der Zustand oder der Grund?

Ist es wichtiger, dass ich arm bin oder warum ich arm bin?

Ist es wichtiger, dass ich weiß bin oder warum ich weiß bin?

Ist es überhaupt richtig, immer zu fragen? Oder sollte manchmal die Frage unterbleiben? Das Anerkennen einer Tatsache.

Wen interessiert die Entstehung der Welt? Gibt es nichts Wichtigeres?

Ich schweife ab, immer wieder, und kehre zum zentralen Punkt zurück. Konzentriere mich. Meine Gedanken gehen auf Wanderschaft.

Streifen dies, streifen das. Schlagen einen Bogen und kehren zu ihrem Ausgangspunkt zurück.

Tick! Tick! Tick!

Sie fließt immer noch.

Zäh!

Dehnbar!

Kontinuierlich!

Eigentlich ist sie ein Kunstwerk.

Klar!

Logisch!

Voraussehbar!

Man kann ja vieles durch den Willen beeinflussen. Oder durch Aktion. Ganze Völker kamen und gingen, doch sie bleibt immer. Eine Konstante. Auf ewig?

So konstant und klar ist sie eigentlich nicht. Ich erlebe es gerade, wie sie sich streckt, wie sie sich in die Länge zieht. Sich windet wie eine Schlange oder ein Fluß in der Landschaft.

Aber immerhin. Sie schenkt sich mir. Ich bekomme jetzt reichlich von ihr.

Ist reichlich das richtige Wort?

Nein. Im falschen Moment sogar im Überfluß und jetzt ist der falsche Moment. Ich muß lernen, mit diesem Überfluß umzugehen.

Ihn nutzen, bevor er sinnlos verinnt.

Versickert.

Versiegt.

Ich bin es mir schuldig, schließlich soll meine Mühe doch belohnt werden.

Wird sie?

So kontinuierlich ihr Fortschreiten ist, so geheimnisvoll ist ihr Weg. Ein Blick zurück wird es zeigen. Ihr hört von mir.

Später!



2. Tag : Du spürst es in jeder Faser



Du spürst es in jeder Faser. Ganz tief drin. Es schwillt auf und ab, wie eine Sinuskurve, doch die Dämpfung ist gering. Kaum meßbar, nicht fühlbar.

Wie ein Feuer. Ein inneres Feuer, das deinen Willen ansengt. Wer wird gewinnen?



Ego! Der Mittelpunkt des Seins. Doch heute bist du selbst nicht der Mittelpunkt, nicht der Fixstern, nicht die Sonne. Eher die eisenhaltige Späne. Die Anziehungskraft ist animalisch, die Verlockung groß. Es ist einfacher zu töten als Leben zu schenken. Eine bittere Erkenntnis, wenn auch nicht neu.

Der Wunsch nach dem Fallenlassen ist groß, ein Moment der Unaufmerksamkeit, dem Nachgeben des Lockrufes. Warum den inneren Schweinehund bekämpfen? Warum?



Es ist wie das ewige Kreisen. Noch eine Runde. Und noch eine Runde. Ähnlich der Schwerkraft, die für eine stabile Bahn sorgt. Unbestechlich und nicht nachlassend. Okay, es bleibt die Hoffnung. Es muß nachlassen. Und es läßt nach. Das weiß die Erfahrung, nicht nur die eigene. Nur spürst du es nicht.

So blendet einen die Fata Morgana.

Diese Leichtigkeit. Ist es nicht schön, böse zu sein? Ein lieblicher Reiz voller Macht und Intensität.



Die Kehle trocknet aus, keine Flüssigkeit kann diesen speziellen Durst löschen. Ein ewiger Durst. Ein nie versiegender Durst. Wie sollte so etwas Grundsätzliches versiegen. Wie?

Ein generelles Umdenken ist nötig, da hilft alles nichts.

Die Ursache muß

bekämpft,

oder abgeschwächt ,

oder was auch immer werden.

Die reine Wirkung ist nicht das Entscheidende. Nur vordergründig das Entscheidende. Oder täusche ich mich da?



Doch wo bleibt der Spaß? Die Befriedigung? Ist sie schaler geworden? Oder ändert sich der Geschmack noch? Wird die Schalheit zum Genuß?



Es ist ein Schmerz, der von Innen kommt. Von ganz tief. Man gewöhnt sich dran. Glaube es oder lasse es sein. Er beginnt mich zu erfreuen. Eine innere Kraft entsteht. Langsam, aber stetig.



3. Tag : Welcher Tag ist heute?



Welcher Tag ist heute?

Mittwoch?

Oder Donnerstag?

Oder Dienstag?

Oder doch Donnerstag?

Donnerstag.

Ja, das klingt richtig.



Dieses merkwürdige Gefühl der Unwirklichkeit. Kennst du das? Den Druck auf den Ohren, der dir einen Eindruck von Taubheit vermittelt. Die Kälte, die Finger taub werden läßt? Du kennst es nicht? Ziehe einfach die Brille von der Nase, dann verstehst du...



Es ist wie ein ständiges Hintergrundrauschen. Und ich frage mich, wie entstöre ich mein Bewusstsein? Gibt es einen Geistgleichrichter, der dieses ständige Abwandern von Gedanken in den Griff bekommt? Ist das überhaupt erstrebenswert? Oder benötigt man diese Verzweigungen und Abwege? Genau wie die Abgründe der Seele.



Es ist wie ein Bild, mal scharf mal unscharf, ein ständiger Wechsel. Andererseits ein stetiger Fluß, ohne Auf und Ab. Der Mangel an Höhepunkten ist ein großes Problem, Dauerhaftigkeit ist angesagt.



Es sind kleine Trippelschritte. Kaum merkbar, kaum erahnbar, nur langsam schreitet es voran. Die Gefahr des Rückschlages ist groß. Soviele kleine, mühsame Schritte. Sekunden, die sich zu Minuten dehnen, Minuten, die sich zu Stunden dehnen, Stunden...

Und dann...ein Fehler und alles ist vorbei. Der Scherbenhaufen vollendet.



Ein Jubelschrei!

Das erste Erfolgserlebnis ist da. Es rückt aus dem Mittepunkt des Seins. Nur kurz, aber der Fingerzeig macht Hoffnung. Es gibt noch andere Themen. Andere Wichtigkeiten.

Die Sonne. Ich geniesse sie. Dieses letzte strahlende Aufbäumen vor dem Winter. Es gibt einem Stille. Ja Stille liegt in der Luft.

In den Wellen. In den Fasern.

Oder sollte man es Ruhe nennen? Ausgeglichenheit? Nein, besser Nachdenklichkeit, das Gefühl, die ultimative Erkenntnis in den Händen zu halten, doch bevor man sie packt...

Zerinnt sie wie Sand zwischen den Fingern. Korn für Korn schaut man ihr nach, der sichtbare Beweis für das Fließen der Zeit. Ihr Vergehen. Die Schwerkraft ist die Zukunft.

Du hebst sie auf. Kennst du das Gefühl? Das Gefühl des Stillstandes?

Als würde die Zeit in einem Meer waten.

Langsamer werden.

Feststecken.

Diese innere Kraft, die unter der Oberfläche brodelt und auf ihre Eruption wartet. Dann tickt es wieder, der Druck ist weg. Auf seltsamen, nicht nachvollziehbaren Kanälen, die Kraft sinnlos verpufft.



Und wieder frage ich mich, welcher Tag ist heute?

Mittwoch?

Oder Donnerstag?

Oder Dienstag?

Oder doch Donnerstag?

Donnerstag.

Ja, das klingt richtig.



4. Tag : Kalte Realität



Grau. Hellgrau. Dunkelgrau. Grau schattiert. Doch ein blasses Licht ist am Ende des Tunnels. Wie die ersten sanften Strahlen im Frühling. Die Hoffnung erwacht. Ein zartes Pflänzchen.



Heiß. Intensiv. Grell. Scharf. Feurig.

All dies trifft nicht zu.

Blass. Bleich. Dumpf. Zart. Ruhig.

Trifft es viel besser.



Ich glaube, das richtige Wort ist Ernüchterung. Wir befinden uns im Wandel. Der Herbst war schon immer ein besonderer Monat für mich. Trocken und windig. Die beginnende Kühle. Die braune Vielfalt der Natur. Eine Kerze der Besinnlichkeit. Jedes Jahr. Immer das gleiche Prozedere. Ist die Zukunft doch vorhersehbar?



Ich bin in der Mitte. In mir drin. Der erste Tag an dem Ruhe von mir Besitz ergriffen hat. Klar, diese Ruhe wird immer wieder erschüttert, doch im Moment bin ich mit mir im Reinen. Genieße den Moment, ohne an die nächsten Tage, nicht mal an die nächsten Minuten zu denken. Ich lebe jetzt. Ich genieße die Gegenwart. Das ist das Einzige, das zählt. Die Liebe zur Gegenwart ist das höchste Gut, ein Umstand, den man gerne verdrängt, gar vergisst.



Die Attacken kommen immer wieder. Immer und immer wieder.

Aus dem Hinterhalt,

ohne Vorwarnung,

von Jetzt auf Gleich.

Es ist so einfach. Einfach fallen lassen. Loslassen. Ein kleiner Schritt, der Erlösung verspricht.

Warum quälen?

Warum?

Der Sinn des Ganzen verflüchtigt sich wie ein Regenbogen in der Sonne. Welchen Weg soll ich gehen?

Ich verstehe Eva. Die Verlockung ist einfach groß. Wusste sie, was nach dem Paradies kam? War es überhaupt schlechter als vorher? Ist es überhaupt das Böse?

Nein, aber ich bleibe trotzdem standhaft. Die ganze Mühe, all die eingesetzte Kraft. Soll ich mich umsonst gemüht haben? Die ganze Qual für Nichts und wieder Nichts?

Ich bin sauer und zeige der Verlockung die kalte Schulter. Nein, den Mittelfinger. Das ist zwar nicht die feine Art, aber wir befinden uns im Krieg.

Quasi!

Es werden keine Verwundeten gemacht. Wenn ich Schwäche zeige, hat der Feind gesiegt. Mich absorbiert. Bin ich dann ebenfalls das Böse? Oder ändert sich die Definition des Guten?

Wie auch immer. Ich bleibe standhaft.



Mein Sein wird erschüttert.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Erwähnte ich meine Sturheit? Sie regt sich, kommt aus meiner Tiefe und steigt mit Brachialgewalt nach oben. Erfüllt mich mit jeder Faser , durchdringt mein Sein.

MIT MIR NICHT!

Aus gut wird böse. Ich fühle mich mächtig. Die Sturheit kommt wie ein Orkan über mich, schützt mich, macht mich hart. Ich lache der Versuchung ins Gesicht.

Ja, ich bin stärker. Der vierte Tag. Ich halte durch.

Aber eins könnt ihr mir glauben, Einfach fällt es mir nicht.



7. Tag : Vermisse ich diese Geborgenheit?



Vermisse ich diese Geborgenheit? Diese Gewohnheit? Dieses Teilsein eine Ganzen? Die Vertrautheit von Jahren? Dieses harmonisch zusammengesetzte Puzzle der Sehnsüchte und Hoffnungen?

Die niemals erfüllt wurden. Niemals erfüllt werden. Die Flucht ist vorbei.



Ich kratze mit meinem Fingernagel im Nacken. Ich spüre dies. Ein ehrliches, ein reales Gefühl, ungefiltert, echt, direkt.

Ich nage an meinem Daumen, dasselbe.



Dieser Moment absoluter Ruhe. Diese Gelassenheit, dieser fehlende Druck. Kein auf die Uhr sehen, kein Sehen nach dem kommenden Moment, kein Erwarten.

Erinnert an Windstille.

Du sitzt da und genießt. Die Farben kommen zur Geltung, keine Bewegung lenkt ab und stört. Stört den Zauber des Moments. Du schenkst all deine Aufmerksamkeit deinen Augen, nirgendwo tickt die Uhr, nirgendwo sitzt das schale Verlangen im Nacken und quält dich mit unerfüllter Sehnsucht.

Gelassen ruhst du in dir. Lachst über die verkrampften Versuche, sich gegenseitig zu überbieten, an Lautstärke, an Aufmerksamkeitsgebaren.

Du lehnst dich zurück, genießt einfach die vielfältigen Eindrücke um dich herum. Ach, komme ich heute nicht, dann komme ich morgen. Wen interessiert es?



Ich kenne meine Fehler.

Akzeptiere sie. Lebe mit ihnen, ohne mich ihnen hinzugeben.

Veränderung ist wichtig. In Frage stellen noch mehr.

Wer sind wir, zu glauben, alles zu wissen? Wer sind wir, zu glauben, alles zu sein?



Freiheit! Ja, Freiheit!

Welch ein Gewinn, ein ganz persönlicher.

Niemand hat mich mehr in seinen Krallen. In diesem temporären Rhythmus, den zu durchbrechen ich geschafft habe.

Freiheit ist immer eine relative Sache, doch habe ich sie ein Stück weit weiter erobert. Ein Sieg über mich selbst und meine Schwäche. Erhalten habe ich ein weiteres Stück Freiheit.

Vor mir selbst. Vor anderen.

Für mich!

Wie viele Abhängigkeiten stehen noch vor mir? Welche sollte ich lösen? Und welche sind wichtig für mein Glücklichsein?

Freiheit!

Ich verdränge die Fragen. Ich lebe hier. Ich lebe jetzt. Was interessiert mich das Werden?

Ich bin jetzt. Ich bin die Gegenwart.

Das ist das wahre Leben!



10. Tag : Dazwischen



Dazwischen

Kennen Sie dazwischen?

Kein Fisch, kein Fleisch, aus welchem Reich?



Mann ist vierzehn, das Bewusstsein für Sexualität ist voll erwacht, aber wohin mit der angestauten Energie? Die Mädchen in dem Alter wollen nicht oder interessieren sich für Ältere. Die älteren Frauen nehmen einen nicht wahr und das Geld für den Puff ist nicht vorhanden.



Frisch promoviert verlässt er die Universität, den Kopf voller Ideen, guten Mutes, randvoll mit Enthusiasmus.

Der erste Geldgeber winkt ab ob der unrealistischen Vorstellungen. Einen schönen Garn würde er sich zusammenspinnen, solle er doch sich die Hörner abstoßen und wiederkommen. Wenn der Blick für die Realität ungetrübt ist, die Erfahrung der Begeisterung ebenbürtig.



Mit 33 Jahren ist man weder jung noch alt. In Innern streiten sich die Geister. Vernunft und Unvernunft, wer wird siegen? Kann überhaupt jemand siegen? Wie soll man das trennen? Was ist schwarz ohne weiß?

Aber immer die Mitte ist weniger als Nichts. Das Mittelmaß die Essenz der Dekadenz.



Haben Sie den Weg der No Angels verfolgt. Fünf junge Damen, deren Träume eines Tages Realität wurden. Ein öffentlichkeitswürdiges Casting, vor lauter Glück weinend, da sie es geschafft haben. Die passenden Lieder, die passende Promotion, die passende Trennung?

Oder das lang ersehnte Glück schon nach kurzer Zeit mit Füßen getreten?



Kennen Sie das? Das erste Training? Diese Qual, diese Schwäche in den Gliedern? So geht es weiter, auch beim zweiten, beim dritten Training. Irgendwann – es dauert gar nicht so lang – ist die Kondition ein Stück weit da, meistens merkt man das nur im Vergleich, ein Neuer muss her, einem die Augen öffnen.



Was ist eigentlich künstliche Intelligenz? Ist ein Roboter, der scheinbar selbstständig reagiert, ein quasi intelligentes Wesen. Ist der Computer, der mit einem denkbar unendlich umfangreichen Programm ausgestattet ist, zwischen Menschsein und Maschine? Wohin tendiert er? Haben Kupferionen eine Seele?



Wo fängt Intelligenz an? Ist es einfach die Fähigkeit, logische Schlussfolgerungen nach einem festgelegtem Schema zu ziehen? Oder gehört dazu noch mehr?

Schreiben ist ein Handwerk, erzählen auch? Kann ein guter Erzähler erschaffen werden wie die neueste Version eines Computerprogramms?

Ist Musik wirklich eine Kombination von Tönen, die automatisch bestimmte Prozesse im Gehirn wachruft?



Tja, wo sind den die ganzen künstlichen Helden? Selbst in der Musikindustrie scheint die Planung zu misslingen. Anstatt sich über fehlende Käufer zu beschweren, sollten sie sich wohl eher über fehlendes Verkaufsmaterial beschweren.

Die Kinoindustrie sprach auch regelmäßig über Piraterie, dann kamen HP und HDR, die Industrie sonnte sich im Erfolg, zog die Preise an...und jammert jetzt wieder. Es wird halt Zeit, wieder für vernünftige Filme zu sorgen.

HP ist ein gutes Beispiel. Die Jugend hängt ja nur noch vor dem Fernseher, der Play Station, dem PC. Heutzutage liest kein Kind mehr. Hieß es. Was hat das jetzt mit Harry Potter zu tun?



Die Wahrheit liegt wohl immer dazwischen. Ich bin im Moment kein Raucher, aber auch noch kein Nichtraucher. Der zehnte Tag ist wie eingangs erwähnt, weder Fisch noch Fleisch.

Aber jammern hilft nicht. Packen wir es an!

Letzteres ist ein Plagiat. Sie mögen es mir verzeihen.



4. Monate : Zwischendrin



Kennen Sie den schalen Geschmack der verblassenden Erinnerung? Das süße Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt. Wenn die Intensität des Leidens in unwirkliche Ferne rückt.



Einst war mein Empfinden stark, wankelmütig focht ich den Kampf im Innern. Der Faktor Zeit dehnte sich ins Unerlässliche, einem Gummi gleich, die Spannkraft enorm genug, die Erinnerung zurückzubringen.



Der Zweifel war stark, die Versuchung fast größer. Doch erinnerte ich mich an alte Tugenden. Die Zeit heilt alle Wunden, so lautete einer der unzähligen Weisheiten, denen ich früher weniger Bedeutung beimaß.



Doch treffen diese „plumpen“ Weisheiten zu. Mit jedem verstrichenen Tag wurde die Intensität geringer, die Sehnsucht ein laues Lüftchen.



Trotzdem!

Periodisch schwoll die Lust an, immerzu, meist, wenn man nicht damit rechnete, sich sorglos in Sicherheit wog. Letzteres wird die größte Gefahr sein. Und das auf lange Zeit.



Die ersten zehn Tage konnten Sie – geneigter Leser – miterleben. Die Wochen danach litt ich alleine, stumm. Aber fühlte auch dieses wahnsinnig gute Gefühl der Befreiung.



Kein morgendliches Abhusten. Keine stinkenden gelben Finger. Die Auffrischung der Geschmackssinne. Eine viel bewusstere Wahrnehmungsfähigkeit. Die Wohltat, sich selbst etwas Gutes zu tun.



Natürlich vermisse ich auch gewisse Momente. Ein Gefühl der Rebellion, die vielversprechende Macht der Unvernunft. Das pulsierende Leben des blauen Dunst.



Ich verurteile das Rauchen nicht. Wozu auch?

Dafür habe ich es viel zu gerne gemacht. Mich stört es auch gar nicht, wenn andere genussvoll an ihrem Glimmstängel ziehen. Doch ich beneide sie auch nicht. Ich bin befreit von dieser Sucht die allgegenwärtig mein ganzes Sein beherrschte. Und das insgesamt für Neunzehn Jahre meines Lebens.



Jetzt bin ich frei. Auf den heutigen Tag genau vier Monate. Drücken Sie mir die Daumen. Oder nehmen sich ein Beispiel an mir. Ganz wie Sie es wünschen!



Ein Jahr oder später : Alles relativ



Was vor einem Jahr noch so wichtig war, was vor einem Jahr im Zentrum des Denken stand, es verblasste immer mehr, ist jetzt nur noch eine schale Erinnerung.

Soweit weg. So fern. So unwirklich.

Die Entsklavung ist geschafft.

Keine eisigen Hände, die eine Kippe halten. Kein morgendliches Abhusten, welches die Nachbarn aus dem Schlaf reißt. Kein Zwang, nach anderthalbstündiger Fahrt in größter Not den Nikotinspiegel aufzufüllen. Kein hektisches Auf-die-Uhr-Schauen während eines länger dauernden Meetings.

Die Gelüste sind selten, bleiben zuletzt gar ganz aus.

Der Blickwinkel ändert sich. Ein rauchender Mensch wirkt komisch, so komisch wie vorher ein Nichtrauchender.

Doch der Blick zurück ins Raucherleben geschieht nicht im Zorn. Warum?

Mich stört der Geruch nicht. Ich leide auch nicht, habe daher keinen Frust, den viele ehemaligen Raucher befällt.

Ich erkenne, wie schon immer gewusst, Rauchen hat Pro und Kontra. Ich habe mich für das Kontra entschieden. Ich weiß, eine einzige Zigarette ist die Rückkehr zum Pro.

Doch es zählt nur der Augenblick. Ich bin jetzt.

Endlich Nichtraucher!

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